
Der nachfolgende Text wurde von Gunther Loos zum Infomaterial für Dr. Wolfgang Sinn geschrieben:
– Vortrag zur Geschichte von
Merkers in der Festwoche zum Ortsjubiläum am 30.06.2008 –
Im Jahr 1969 entstand in Merkers einer der ersten eigenständigen Jugendclubs
der DDR. Zu dieser Zeit war „Jugendclub“ noch ein fast unbekannter Begriff.
Die kulturelle Betreuung der Jugend erfolgte unter dem Dach der FDJ in den
Grundorganisationen der Betriebe und Kommunen. Im Raum der alten Dorfschule
von Merkers engagierte sich der Lehrer Erhard Fibich mit vielen kulturellen
Aktivitäten. Mit der Umnutzung des Gebäudes 1965/66 endete diese
organisierte Veranstaltungstätigkeit für die Jugend. Der Zeitgeist mit dem
unaufhaltsamen Generationskonflikt (Beatmusik usw.) hatte inzwischen den
Drang der Jugend nach selbständiger Freizeitgestaltung verstärkt. Dazu
gehörte auch die Wiederbelebung der alten Kirmestradition mit einer neuen
Kirmesgesellschaft in Merkers.
Durch die Kirmesjugend wurde 1966/67 der alte Dorfsaal der Volksgaststätte in Eigenleistung renoviert. Das angeschlossene Vereinszimmer der verfallenen Kegelbahn wurde gelegentlich auch schon mal inoffiziell für Feten benutzt. In diesem Abstellraum entstanden die Ideen zu einem eigenständigen Freizeitclub. Irgendwo hatte man dann auch den Begriff Jugendclub aufgeschnappt. Die engagierte Gruppe um Hartmut Andres trug das Ansinnen bei der Gemeindeverwaltung vor. Dort war der Bürgermeister Schmidt ein guter Ansprechpartner und der 2. Bürgermeister Klappadat ein aktiver Befürworter. Mit Karl Hoßfeld von der „Nationalen Front“ und dem KD Günter Schmidt vom Kalibetrieb wurden weitere wichtige Unterstützer gefunden. Die waren nötig, denn es gab nicht nur Befürworter dieses Vorhabens. Nach mühevollen Renovierungsarbeiten konnten die Jugendlichen das Vereinszimmers offiziell von der Verwaltung der Volksgaststätte (HO) übernehmen.
Da dort nun immer etwas los war, wuchs die Zahl der Clubmitglieder sehr schnell. Zur Absicherung der Selbstverwaltung dienten auch klare Regeln für die Mitgliedschaft verbunden mit monatlicher Beitragszahlung. Die Grenzen der Kapazität des Clubraumes waren schnell erreicht. Nach der erfolgreichen Startphase genehmigte die Gemeinde den Ausbau des Raumes im Bereich der alten Kegelbahn. Nach den Abrissarbeiten wurde der Rohbau 1971 mit den damals üblichen Materialproblemen in engagierter Eigenleistung errichtet. Erschwert wurde die Clubarbeit schon in diesem Jahr durch Einberufungen zur Volksarmee und Abgänge zum Studium. Durch die häufigen Wechsel der Mitglieder wurde die Finanzierung des Clublebens problematisch. Die Beitragszahlung war nicht mehr praktikabel. Die erste große Veranstaltung, die zur Verbesserung der Clubfinanzen beitragen sollte, platzte. Ein Konzert der damals noch suspekten „Puhdys“ in Merkers wurde durch die Behörden gestoppt. Aber man ließ sich nicht entmutigen. Mit den legendären Auftritten der Band „ ad libitum“ aus Merseburg begann eine außergewöhnliche Veranstaltungsserie in der kleinen Bergarbeitergemeinde. Konzerte von „Panta Rhei“ aus Berlin oder der ungarischen Spitzenband „Omega“ waren 1974/75 eine Sensation für die Provinz der DDR. Ermöglicht durch die berufliche Tätigkeit von Clubmitglied Gerd Eichhorn im Kalikulturhaus war eine für beide Seiten wichtige kulturelle Partnerschaft entstanden. Nach dem Weggang von Gerd Eichhorn (1975) übernahm Clubmitglied Gunther Loos die Arbeit als Veranstalter im Kulturhaus. So konnte die erfolgreiche Zusammenarbeit der Einrichtungen noch 20 Jahre fortgesetzt werden. Der Kooperationsvertrag mit dem FDGB-Kulturhaus trug auch zur Sicherung der Selbständigkeit des Jugendclubs bei. Den Versuchen der Vereinnahmung durch die FDJ konnte der JCM so besser und diplomatisch widerstehen. Eine pragmatische Zusammenarbeit mit der starken FDJ-Organisation des Kalibetriebes zur Finanzierung der weiteren Baumaßnahmen war natürlich im Sinne des Clubs. Für Baumaterial oder Werbekosten wurde so gelegentlich auch mal das Logo des „Sponsors“ übernommen. Ideologische Probleme wurden dabei „flach gehalten“. Eine größere Gefahr zum Verlust der Selbständigkeit bestand damals wie heute durch die Generationswechsel und Leitungskrisen innerhalb des Jugendclubs. Zu oft wechselten die Clubchefs und die mehr oder weniger aktiven Mitglieder. So gab es im JCM bis zur Gegenwart gute und schlechte Zeiten. Die guten Zeiten standen immer in Verbindung mit einzelnen kreativen Mitgliedern. Die besonders aktiven Phasen waren auch meist mit größeren Baumaßnahmen verbunden. 1980 wurde der wichtige Anbau des Toilettentraktes in Eigenleistung begonnen.
Damals überzeugte die Generation um Fred Mäder mit neuen Ideen und viel Tatkraft. Zu dieser Zeit zeigte der Club auch seine Stärke im Konflikt mit der Parteileitung und der FDJ des Kalibetriebes. Durch die Entwicklung in Polen war die Kirche verstärkt in das Visier der wachsamen Funktionäre gelangt. Gerade hier im „Roten Merkers“ sollten die Jugendclubmitglieder als Kern der Kirmesgesellschaft auf den traditionellen Kirchgang zur Kirmes verzichten. Aber im gar nicht heiligen Club erweckte das eine „nun erst recht Reaktion“ mit Folgen. Einschüchterungsversuche gegenüber der Clubleitung und berufliche Konsequenzen für einzelne „Sympathisanten“ blieben nicht aus. Eine weitere Eskalation in dieser Angelegenheit hätte aber vermutlich beiden Seiten geschadet. .So konnte auch diese Krise diplomatisch überwunden werden. Immerhin diente der Clubraum mittlerweile für die Kali - FDJ und die FDJ - Kreisleitung als Vorzeigeobjekt für ausländische Jugendgruppen. Durch den Toilettenanbau waren in den Clubräumen gute Voraussetzungen für öffentliche Veranstaltungen geschaffen worden. Gemeinsam mit dem Kulturhaus wurden erfolgreich Musikvorträge und kleine Konzerte im Club durchgeführt. So gelang es auch wieder die älteren ehemaligen Mitglieder in das Clubleben einzubeziehen. Mit den gravierenden Veränderungen der Wende endete diese rege Kulturzeit. Zu Beginn der 90 er Jahre galt es mit neuen Strukturen das Überleben des Clubs zu sichern. Nur eingetragene Vereine waren nun „förderfähig“. Da Kirmesgesellschaften und Jugendclub meist identisch waren, wurde ein „Kirmes- und Jugendverein“ eingetragen. Neue Impulse für das Clubleben brachten das Jubiläumsjahr 1994. Die Vorbereitung der Festwoche zum 25. Jahrestag des Jugendclubs mobilisierte wieder junge und alte Clubmitglieder gemeinsam. Auch das nun an die Gemeinde übertragene Kulturhaus konnte diese Veranstaltungen trotz eigener Probleme noch aktiv unterstützen. In diesem Jahr wurde auch die „Großzügigkeit“ der Kandidaten vor der Kommunal- und Bürgermeisterwahl ausgenutzt. Der bisher untersagte Türdurchbruch zum Vogasaal wurde nun genehmigt. So entstanden neue Möglichkeiten für sportliche Betätigung und Veranstaltungen. Mit Fördemitteln und Eigenleistung wurden auch Heizung, Elektrik und Ausstattung in den Clubräumen verbessert. Leider gab es nach dieser guten Zeit wieder einen Rückschlag in Clubleben. Das Kulturhaus konnte den Club nicht mehr unterstützen und eigene Aktivitäten gab es kaum noch. Einige Merkerser Jugendliche suchten sich andere autonome Treffs. Der Nachwuchs im JCM blieb aus. Die lukrative Beteiligung an der Absicherung der Rockevents im Kulturhaus konnte nicht mehr korrekt durchgeführt werden und wurde beendet. Wegen der anhaltenden Leitungsschwäche drohte auch der Einfluss von politisch gefährlichen Gruppierungen. Gut, dass in dieser Zeit noch einige ehemalige Clubmitglieder der älteren Generation wachsam waren. Die Betreuungsversuche durch die Gemeinde mit wenig kompetenten Hilfskräften blieben ohne Wirkung. Erst mit einer neuen Generation entstand um die Jahrtausendwende wieder ein aktives Clubleben. Mit viel Kreativität der Jugendlichen um Manuel Möckel wurde das aktuelle Ambiente im Clubraum geschaffen. Als engagierte ABM Betreuerin sorgte Uta Hippler ab 2001 für Fördermitteln zur Erneuerung von Dach und Fassaden.
Mit Eigenleistung wurde weiter renoviert und umgestaltet. Während dieser aktiven Phase musste der Club den bisher größten Angriff auf die Selbständigkeit überstehen. Das Landratsamt des Wartburgkreises setzte trotz vieler Gegenargumente eine Strukturreform für die offene Jugendarbeit durch. Mit Unterstützung der Bürgermeister wurden die kommunalen Jugendeinrichtungen den „Sozialräumen“ zugeordnet. Die Trägerschaft in diesen Gebieten wurde dann vorzugsweise an Einrichtungen von Diakonie und Caritas übertragen. Auch im Gemeindeamt Merkers-Kieselbach wollte man das „Problem Jugendarbeit“ vermutlich gerne an den Diakonissenhausverein Eisenach abgeben. Die Rechnung hatte man aber wieder einmal ohne den selbstbewussten JCM gemacht. Die Verweigerung der Clubmitglieder kam folgerichtig. Wozu hatte man den eigenen Verein gegründet? So wurde die Selbständigkeit wiederum bewahrt. Im Gemeindeamt konnte man das vermutlich nur schwer verdauen. Der Club war ohnehin nie so wie man ihn sich gewünscht hätte. Besonders der Clubbesuch von einigen „viel zu alten“ und kritikfreudigen Ehrenmitgliedern war suspekt und wurde verunglimpft. Zum Jahreswechsel 2003/04 gab es ein fragwürdiges Vorkommnis durch auswärtige Schüler nach einem Clubbesuch in Merkers. Dieses banale Ereignis diente der Gemeindeverwaltung als Anlass zur Schließung des Clubs. Die nun folgende einzigartige Protestaktion der Jugendlichen auf der Straße führte zur Solidarisierung von großen Teilen der Merkerser mit „Ihrem Club“. Der Bürgermeister bekam eine Breitseite von kritischen Veröffentlichungen in der Presse und wurde veranlasst den Club nach kurzer Zeit wieder öffnen zu lassen.
Zur nachfolgenden Kommunalwahl siegten in Merkers- Kieselbach die aus dieser Protestbewegung hervorgegangen Freien Wähler im Gemeinderat. Die bizarren Ereignisse im Jahr 2003 und 2004 machten die einzigartige Geschichte des Merkerser Jugendclubs endgültig zur Legende. In der nachfolgenden Zeit bis zur Gegenwart gelangte der Club in ruhige Gewässer. Von der wieder aktivierten älteren Clubgeneration gingen einige Impulse für gemeinsame Veranstaltungen aus. So machte sich der Jugendclub besonders bei der Seniorenbetreuung in Merkers ein gutes Image.
Die Zeiten in denen der JCM in Verbindung mit den legendären Rockveranstaltungen im Kulturhaus überregional einen bekannten Namen hatte waren vorbei. Mit den eingeschränkten Möglichkeiten im Vogasaal konnte die Tradition der Livemusik aber noch etwas wach gehalten werden. Leider gibt gegenwärtig wieder mal ein Generationsproblem. Dem sehr sporadischen Nachwuchs fehlt es an Kreativität und Leistungsbereitschaft...
Entsprechend der bizzarren Clubgeschichte bleibt aber wie immer die Hoffnung auf bessere Zeiten.
Anmerkung: Aus der geplanten Auflistung von einigen Fakten als Information für den Vortrag von Dr. Sinn wurde diese ausführlichere Clubgeschichte.
Die Fakten sind nach bestem Wissen möglichst korrekt benannt worden. Die Zusammenhänge wurden subjektiv nach eigener Erinnerung bewertet und aufgeschrieben. Deshalb besteht auch kein Anspruch auf Vollständigkeit oder eine Gewähr für die absolute Richtigkeit. Die wenigen Namen wurden nur in Verbindung mit markanten Zusammenhängen genannt. Die Benennung aller aktiven Mitglieder und Clubleiter, vom Hartmut bis zum gegenwärtigen Vereinsvorsitzenden Heiko und „Hausmeister“ Falk, ist nach 40 Jahren kaum noch möglich. Dank an alle ungenannten Aktivisten, ohne die eine erfolgreiche Geschichte des Merkerser Jugendclubs so nicht geschrieben worden wäre.
Jugendclub Merkers `69 e.V.
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